Dein Geburtsort ist in der Regel auch deine Heimat. Doch ist das wirklich so? Ist es nicht vielmehr der Zufall, der bestimmt, wo du zur Welt kommst und wo du aufwachst? Muss das dann zwangsläufig deine Heimat sein? Vielleicht habe ich das Konzept der Heimat oder des Vaterlandes einfach nicht verstanden? Heimat ist doch dort, wo dein Herz wohnt, und nicht dein Haus steht, oder? Heimat- oder Pflichtgefühl? Rational oder emotional? Kannst du dich mit einem Land verbunden fühlen, das nicht dein Geburtsland ist?
Moers – Unsere Heimat
Wäre das hier ein soziales Netzwerk, wäre der Beziehungsstatus bei einigen „Es ist kompliziert“. Gibt es so etwas wie „Liebe auf den ersten Blick“ für ein Land, einen Ort, eine Stadt? Ehrlicherweise bin ich genau das Gegenteil von abenteuerlustig oder draufgängerisch. Wenn du mich mit Mitte 20, 30 oder Anfang vierzig gefragt hättest, welches das beste Land der Welt ist, hätte ich wohl wie aus der Pistole geschossen Deutschland gesagt. Die beste Stadt ist natürlich mein Geburtsort: Moers. Es gab Zeiten, in denen mir das Konzept von „Urlaub machen“ völlig unverständlich und fremd war. Wenn ich den Moerser Kirchturm nicht sehen konnte, wurde ich nervös. Und jetzt? Jetzt lebe ich rund 3.500 Kilometer entfernt! Fast in Afrika. Vermisse ich meine alte Heimatstadt? Nein! Nicht im Geringsten. Natürlich ist und bleibt Moers der Ort, an dem ich aufgewachsen bin, wo mein Charakter geformt wurde und wo ich erste Erfahrungen in Liebe und Enttäuschung machen durfte. Es bleibt der Ort, an dem ich gute Freunde fand und verlor. Das alles verschwindet nicht, weil ich meinen Lebensmittelpunkt in eine andere Stadt, an einen anderen Ort in ein anderes Land verlagert habe. Erinnerungen und Erfahrungen bleiben für immer. Sie sind es, die dich prägen und formen. Aber daran hängen? Aktuell bekommt man das Gefühl, dass die Deutschen ein Volk von rückwärtsgewandten Pessimisten sind. Alles war früher besser, alles ist schlecht, nichts geht voran.
Das ist der Tenor, den die Medien heute widerspiegeln und den die Deutschen aufsaugen wie Löschpapier die Tinte. Schade, denn genau diese Einstellung legt dir Steine, groß wie Felsbrocken, in den Weg. Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, dass ich hier in Spanien angekommen bin und nichts mit Deutschland vergleiche. Einige, hunderte, vielleicht sogar tausende Dinge sind hier anders. Aber Reue oder Wehmut fühle ich nicht. Ich habe hier das gleiche Gefühl von Verbundenheit zu Arrecife, wie ich es zu Moers empfand. In Deutschland war es wahrscheinlich die Gewohnheit und hier die bewusste Wahl und die Zufriedenheit, das Ziel meiner Träume erreicht zu haben. Gleichzeitig ist es auch die Dankbarkeit und das Bewusstsein, etwas gemacht zu haben, das vielen nicht möglich ist. Damit meine ich nicht nur die finanziellen Möglichkeiten, sondern auch die intellektuellen Grenzen, die es zu überwinden gilt. All dies führt in der Summe zu einem tiefen Gefühl von Dankbarkeit und Verbundenheit. Wie gesagt: Siehst du nur das Schlechte und die Schwierigkeiten, die es aus dem Weg zu räumen gilt, wird sich dieses Gefühl bei dir nie einstellen.

Eine Auswanderung ist keine Flucht
Ein großer Prozentsatz träumt von einer Auswanderung, doch nur die wenigsten setzen ihre Pläne in die Tat um. Noch weniger sind mit ihrer Entscheidung zufrieden und bleiben. Deutschland negativ motiviert zu verlassen, ist keine gute Voraussetzung, um in einem anderen Land glücklich zu werden. Das ist tendenziell eine Vermeidungsstrategie. Du läufst vor Problemen davon und rennst geradewegs in neue hinein. Wenn du erfolgreich auswandern willst, musst du positiv motiviert sein. Denkst du, in Deutschland wird deine Arbeitsleistung nicht gewürdigt und schlecht bezahlt? Ich kann dich beruhigen, das ist hier in Spanien nicht anders. Die Bezahlung ist niedriger und die soziale Absicherung schlechter als in Deutschland. Du bist hier der Ausländer, für dich ist es noch schwerer, Fuß zu fassen, als in Deutschland über die Runden zu kommen. Es gibt eine Sprachbarriere und viele andere Dinge, die dir das Leben deutlich schwerer machen können, als du es gewohnt bist. Und genau dann schlägt das negative Mindset wieder zu. Plötzlich denkst du: So ein Mist. Wäre ich doch in Deutschland geblieben. Dann wäre jetzt dies und das besser. Wenn du an dem Punkt angelangt bist, verläuft dein Leben genau wie in Deutschland, wenn du es aus der falschen Intention heraus verlassen hast.
Ein wichtiger Punkt: Das soziale Umfeld
Das, was wir Deutschen vielen Migranten vorwerfen, nämlich die gegenseitige Unterstützung und auch manchmal die Abgrenzung, praktizieren viele Auswanderer ebenfalls. Man bleibt halt gerne unter sich. Wie heißt es so schön: Gleich und gleich gesellt sich gerne. Natürlich treffen Susanne und ich uns mit Deutschen. Gerne kommen wir auf einen Kaffee mit Interessierten zusammen, die uns über unseren Blog oder YouTube-Kanal kontaktieren und die für das Thema Auswanderung ebenso brennen wie wir. Wenn jemand nur auf Deutschland schimpft oder die schon hier lebenden nur über die Einheimischen herzieht, dann ist das für uns ein klares Signal, uns rar zu machen. Grundsätzlich gehen wir auf alle offen zu. Und eben diese Offenheit wurde hier in überwältigender Mehrheit erwidert. Aus einem einfachen „Buenas“ werden oft lange Gespräche über Gott und die Welt. Menschen, die dich nur einmal gesehen haben, bieten dir ehrliche und verbindliche Hilfe an. Du wirst unerwartet zu einem Kaffee eingeladen. Es sind diese und viele andere Kleinigkeiten, die uns das Gefühl geben, angekommen zu sein. Mit jedem Gespräch, mit jedem „Hola“, wird dieses Gefühl stärker und wir fühlen uns heimischer.

Heimatliebe und Heimatverbundenheit – Lanzarote
Für manche bedeutet Heimat auch Tradition und Brauchtum. So waren wir nie. Schützenverein und Oktoberfest finden wir eher befremdlich. Gleiches gilt hier. Einige Bräuche finden wir interessant. Wir empfinden jedoch keinen Zwang, bei jedem Umzug und jeder Festivität mitzumachen, um uns aufzudrängen und um zu zeigen: Hey, schaut, wie gut wir integriert sind. So verstehen wir Heimat nicht. Wenn wir durch die Stadt spazieren, die wie jede andere Stadt der Welt ihre schönen und ihre hässlichen Ecken hat, fühlen wir eine Verbundenheit, wie wir sie auch in unserer Heimatstadt empfunden haben. Das können wir nicht an einer einzigen Sache festmachen. Vielmehr ist es die Summe von allem. Die Offenheit der Menschen, die ständige Verbesserung in der Infrastruktur, das Wetter, das Meer und ja, manchmal auch die Schwierigkeiten, die bewältigt werden müssen. Man wächst mit den täglichen Herausforderungen. Das bedeutet auch, sich ihnen zu stellen. Auch, mit welcher Großzügigkeit über unsere Sprachdefizite hinweggegangen wird, finden wir phänomenal. Wir haben keine Ahnung, wie oft wir uns schon zum Gespött gemacht haben, doch wir hatten nie das Gefühl, Ablehnung zu erfahren. Alle diese winzigen und alltäglichen Dinge sind dafür verantwortlich, dass wir uns hier Zuhause fühlen.
Dinge, die uns verwundern, aber nicht wirklich stören.
Ja, die gibt es auch. Die Spanier scheinen am besten mit vollem Bauch zu schlafen. Da wird gerne mal zwischen 21:00 und 22:00 opulent getafelt. Die Lautstärke von Gesprächen ist ebenfalls deutlich über dem deutschen Niveau. Das ist jedoch auch vorteilhaft für uns: Unser Hörverständnis wird massiv verbessert, sodass wir den Gesprächen drei Tische weiter gut folgen können. Auto fahren ist deutlich entspannter, jedoch hat man manchmal den Eindruck, dass es keine echten Verkehrsregeln gibt. Ein Bier oder ein Wein zum Mittagstisch? Hier völlig normal. Auch das ist befremdlich. Du siehst schon: Kleinigkeiten, über die wir die Stirn runzeln, mit den Schultern zucken und dann darüber lachen, wie sehr Deutsch wir doch im Herzen sind.
Was weder Susanne noch ich bisher empfunden haben: Heimweh! Worum auch? Wir haben uns bewusst für den Umzug nach Lanzarote entschieden und uns im Vorfeld Gedanken gemacht. Alles, was uns am Herzen lag und liegt, haben wir mitgenommen oder neu gefunden. Freunde? Durch die sozialen Medien und die verschiedenen Messenger haben wir nicht das Gefühl, weit entfernt zu leben.

Auf Lanzarote gefunden: Zuhause und Heimat
Natürlich fällt es leicht, hier Fuß zu fassen, wenn man nicht von alltäglichen Sorgen geplagt ist und sich nicht um existenzielle Dinge wie Wohnen, Essen und Krankenversicherung sorgen muss. Lanzarote als Insel und Arrecife als Standort erfüllen alles, was wir vom Leben erwarten. Natürlich geht es besser, höher, schneller und weiter. Doch wozu? Einfach zufrieden sein und ankommen ist wichtiger als noch mehr Einkaufsmöglichkeiten oder eine noch größere Wohnung mit noch tolleren Möbeln. Ein wenig erinnert uns Arrecife an Moers in den 1980ern. Eine Stadt voller Gegensätze und Menschen, die das Leben genießen, obwohl alles im Wandel ist. Selbst wenn es ihnen besagte Steine in den Weg legt; es ist immer Zeit für ein freundliches Wort. Ständig finden Veranstaltungen und Feierlichkeiten statt, oder du triffst dich ohne Anlass in einer der zahlreichen Bars mit deinen neuen Freunden und Bekannten. Natürlich denken wir manchmal: Puh, ganz schön viel. Das ist der Preis, wenn du in der Stadt wohnst. Immer ist etwas los. Du kannst dich nicht entziehen. Arrecife, besonders der Charco, ist sehr speziell. Man kennt sich. Ein wenig wie im Dorf. Jeden Morgen oder Abend siehst du die gleichen Gesichter. Das führt zwangsläufig zum Plausch.
In den touristischen Gebieten wie Costa Teguise oder Puerto del Carmen ist das anders. Dort ist ein Großteil der Menschen nur zu Besuch. Im Urlaub eben. Das kann spannend sein, gibt dir aber nicht das Gefühl von Heimat. Vielleicht fühlst du dich sogar zurückgelassen. Der Großteil der dort geschlossenen Bekanntschaften endet mit der Rückkehr deines Gegenübers in die Heimat. Auch wenn diese beteuern, ebenfalls auswandern zu wollen. Wollen und machen ist ein großer Unterschied. Wir haben unser Herz an unsere neue Heimat verloren und fühlen uns in unserem neuen Zuhause nicht anders als zuvor in Deutschland. Als hätten wir schon immer hier gelebt. Deutschland bleibt natürlich eine Erinnerung. Mit Höhen und Tiefen. Wie immer im Leben gilt es, das Beste aus der Situation zu machen. Und vielleicht verlieren wir unser Herz irgendwann an eine andere Stadt in einem anderen Land. Wer kann das schon wissen? Selbst wenn wir zurück nach Deutschland müssen, haben wir eine Erfahrung gemacht, die vielen anderen verwehrt bleibt. Wir können also gar nicht genau sagen, woran es liegt, aber wir fühlen uns hier „sauwohl“ in unserer neuen Heimat im neuen Zuhause!



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